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2. "Na, ein wenig schief geladen",
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grinste drauf der Kammermohr,
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"selbst von Mainz des Bischofs Gnaden
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kamen mir benebelt vor;
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|: 's war halt doch ein schönes Fest:
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alles wieder voll gewest!":|
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3. "So? du findest das zum Lachen?
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Sklavenseele, lache nur!
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Künftig werd' ich's anders machen.
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Hassan! höre meinen Schwur:
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|: 's letzte Mal, bei Gott und Pest,
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war es, daß ich voll gewest!":|
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4. "Will ein christlich Leben führen,
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ganz mich der Beschauung weihn;
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um mein Tun zu kontrollieren,
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trag' ich's in ein Tagbuch ein;
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|: und ich hoff, daß ihr nicht les't,
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daß ich wieder voll gewest!":|
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5. Als der Kurfürst kam zu sterben,
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machte er sein Testament,
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und es fanden seine Erben
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auch ein Buch in Pergament.
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Drinnen stand auf jeder Seit':
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"Seid vernünftig, liebe Leuf!
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|: dieses geb' ich zu Attest:
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Heute wieder voll gewest!"
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\footnote{Diese Notiz des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz findet sich in dessen „Tage- und Ausgabebuch“ unterm 9. Juni 1598. Daselbst heißt es ferner: „30. Juli. Hab ich ein Rausch gehabet“} :|
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6. Hieraus mag nun jeder sehen,
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was ein guter Vorsatz nützt;
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und wozu auch widerstehen,
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wenn der volle Becher blitzt!
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|: Drum stoßt an! Probatum est:
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Heute wieder voll gewest! :|
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\\~
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Karl Hering, 1887
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